Im ersten Teil dieser Serie ging es um die verlorene Pharma-Ansiedlung 2023, im zweiten um den „Masterplan Behring-Standort", der seinen Namen nie verdient hat. Heute wird es um einen Vergleich gehen, der mich seit Wochen nicht loslässt.
Es geht um die Frage: Wie plant die Stadt Marburg, wenn sie es wirklich ernst meint – und wie plant sie, wenn sie es für selbstverständlich hält?
MoVe 35: So geht Planung
2019 beschloss die damalige ZIMT-Koalition aus SPD, BfM und CDU, ein umfassendes Mobilitäts- und Verkehrskonzept für Marburg erstellen zu lassen. Was folgte, war ein Prozess, den man als vorbildlich bezeichnen kann – egal, wie man zum Ergebnis steht.
Die Stadt beauftragte die Dortmunder Planersocietät mit der Konzepterstellung. Für die Bürgerbeteiligung wurde ein eigenes Büro engagiert: team ewen aus Darmstadt. Es gab eine Online-Umfrage, an der sich 3.762 Menschen beteiligten. Eine 40-köpfige Arbeitsgruppe aus Interessenvertretern und zufällig ausgewählten Bürgern begleitete den gesamten Prozess. Die Ortsbeiräte wurden eingebunden. Es gab einen Zwischenbericht, einen Zielbericht, einen Endbericht. Über drei Jahre lang wurde analysiert, diskutiert, abgewogen. Die Stadt sprach von der größten Bürgerbeteiligung, die es in Marburg je gegeben habe.
Das Ergebnis: ein 250 Seiten starkes Konzept mit 77 konkreten Einzelmaßnahmen. Der Prozess war transparent und professionell aufgesetzt – theoretisch konnte niemand sagen, er sei nicht gefragt worden. Ob er auch ergebnisoffen war, ist eine andere Frage. Das Bürgerbegehren mit über 8.000 Unterschriften deutet darauf hin, dass sich viele Marburger zwar gehört, aber nicht erhört fühlten.
Masterplan Behring: So geht es auch
Jetzt der Masterplan Behring-Standort. Laut OB Spies „die wichtigste wirtschaftspolitische Entscheidung der vergangenen 20 Jahre und für die kommenden 20 Jahre." Der Standort, der 80 Prozent der städtischen Gewerbesteuer erwirtschaftet. Der Standort, von dem 7.200 Arbeitsplätze abhängen. Der Standort, ohne den Marburg finanziell nicht handlungsfähig wäre.
Wie wurde geplant?
Seit 2018 gab es eine „Lenkungsgruppe Behring-Standort". Besetzung: Stadt, Kreis, Regierungspräsidium, Standortunternehmen. Keine Bürger. Keine Umweltverbände. Keine zufällig ausgewählten Marburger. Kein externes Beteiligungsbüro.
Als der Masterplan im Frühsommer 2020 ins Parlament sollte, lehnte der Ortsbeirat Michelbach den Entwurf – Zitat OP – „in scharfer Form" ab und stellte eine Reihe von Fragen. Die Reaktion des OB? Der Masterplan sei „zeitkritisch" und müsse im Juni beschlossen werden. Das grundsätzliche Bekenntnis zum Standort dulde keinen Aufschub.
Der NABU stellte fest, dass der Masterplan „überhaupt kein eigenständiges Kapitel zum Thema Umwelt-, Natur- und Ressourcenschutz" enthielt. Die Grünen monierten fehlende Konkretisierung, die FDP den fehlenden Dialog mit Nachbargemeinden.
Die Frage, die bleibt
Warum bekommt ein Verkehrskonzept die volle Beteiligungsarchitektur – und die existenziellste wirtschaftspolitische Weichenstellung der Stadt einen Masterplan ohne Bürgerbeteiligung, ohne konkrete Maßnahmen?
Man könnte jetzt sagen: Verkehrspolitik betrifft eben jeden, der Pharmastandort nicht. Aber das stimmt nicht. Der Pharmastandort betrifft jeden in dieser Stadt. Er finanziert die Schulen, die Kitas, die Sozialarbeit, die Kultur. Ohne die Gewerbesteuer vom Standort hätte Marburg ein strukturelles Defizit, das sich gewaschen hat. Das wissen wir spätestens seit dem Nachtragshaushalt 2024 mit 15 Millionen Euro Einsparungen.
Ich habe dafür nur eine Erklärung: Dem Magistrat und dem OB ist irgendwann die Erkenntnis abhanden gekommen, wie Wirtschaft funktioniert. Oder sie war nie da.
Politik kann keine Arbeitsplätze schaffen. Was sie kann: Rahmenbedingungen setzen. Flächen sichern. Genehmigungen beschleunigen. Infrastruktur bereitstellen. Kurz: Standortpolitik betreiben. Das ist keine Kür, das ist Pflicht – denn ohne eine funktionierende Wirtschaft zahlt niemand die Gewerbesteuer, aus der diese Stadt ihre Schulen, Kitas und Sozialarbeit finanziert.
Stattdessen hat sich die Stadtspitze lieber mit Verkehrspolitik beschäftigt. MoVe 35 bekam die volle Beteiligungsarchitektur, drei Jahre Prozess, externe Büros, 77 Maßnahmen. Und der Pharmastandort, der das alles bezahlt, bekam ein Bekenntnis ohne Zeitplan.
Warum? Weil man es für undenkbar hielt. In seiner Neujahrsansprache Anfang 2025 sagte OB Spies: „Die großen Unternehmen am Pharmastandort sind konjunktur-resistent. Medikamente sind eben kein Konsumgut, sie werden immer gebraucht."
CSL Behring streicht 500 Stellen in der Produktion – nach 500 in Forschung und Entwicklung zuvor. BioNTech baute 350 Stellen ab. Nexelis schloss den Standort komplett. Rund 1.500 Arbeitsplätze.
Konjunktur-resistent.
Wer den wichtigsten Wirtschaftsstandort seiner Stadt für selbstverständlich hält, der plant nicht voraus. Der sichert keine Flächen. Der schreibt einen Masterplan, der keiner ist. Und der wundert sich dann, wenn der Boden unter den Füßen fehlt.