Im ersten Teil dieser kleinen Serie ging es um die verfehlte Standortpolitik am Pharmastandort Görzhausen – und die Frage, wie Marburg Anfang 2023 eine Pharma-Ansiedlung verlieren konnte, weil schlicht keine Flächen da waren. Heute schaue ich mir das Dokument genauer an, das genau das verhindern sollte: den „Masterplan Behring-Standort".
Ein Bekenntnis, kein Plan
Im Juni 2020 verabschiedete die Stadtverordnetenversammlung den Masterplan. Ort: die Sporthalle im Georg-Gaßmann-Stadion, Corona-Abstand. OB Spies nannte ihn „die wichtigste wirtschaftspolitische Entscheidung der vergangenen 20 Jahre und für die kommenden 20 Jahre."
Starke Worte. Was steckt drin?
Ich habe das Sammeldokument gelesen. 245 Seiten. Verkehrsanbindung, Gasdruckregelanlagen, Glasfaserkabel, Radwegeverbindungen, ÖPNV-Fahrpläne. Vieles davon: Zustandsbeschreibungen. Bestandsaufnahme.
Was fehlt? Konkrete Flächensicherung. Ein verbindlicher Zeitplan.
OB Spies selbst hat das Dokument eingeordnet. In einem Antwortschreiben an den Ortsbeirat Michelbach, das der OP vorlag, erklärte er, der Masterplan treffe „keine konkreten Festlegungen zu Einzelfragen", sondern wolle „vor allem Einfluss auf überregionale Entscheidungsprozesse wie die Neufassung des Regionalplans nehmen".
Kein Plan also. Ein Bekenntnis. Ein Signal nach Gießen ans Regierungspräsidium: Wir stehen zum Standort. Das kann man machen. Aber dann sollte man es nicht „Masterplan" nennen und als wichtigste Entscheidung zweier Jahrzehnte verkaufen.
Wahlprogramme 2026: Wer redet noch vom Masterplan?
Am 15. März wählt Marburg ein neues Stadtparlament. Die größte wirtschaftliche Krise der Stadt seit Jahrzehnten – 1.500 bedrohte Arbeitsplätze, einbrechende Gewerbesteuer, ein Nachtragshaushalt mit 15 Millionen Einsparungen – fällt mitten in den Wahlkampf. Was sagen die Parteien zum Masterplan, der das alles begleiten sollte?
Ich habe die Wahlprogramme durchgesehen. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Die CDU widmet dem Pharmastandort einen eigenen Abschnitt: „Pharmastandort mit Weltbedeutung sichern". Sie verweist auf die Tradition Emil von Behrings und fordert verlässliche Rahmenbedingungen, stärkere Kooperation sowie Fachkräftesicherung. Alles richtig, alles unverbindlich. Den Masterplan erwähnt die CDU mit keinem Wort.
Die Grünen behandeln den Pharmastandort an zwei Stellen: im Mobilitätskapitel und im Wirtschaftskapitel. Den Standort Görzhäuser Hof wollen sie „unter Verbindung wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Kriterien" ausbauen. Das Wort „Masterplan" kommt im gesamten Grünen-Programm nicht vor. Nicht einmal als Referenzpunkt, von dem man sich absetzt. Er ist schlicht nicht mehr vorhanden.
Die Klimaliste behandelt den Pharmastandort in ihrem Wahlprogramm nicht als eigenständiges Thema. Die Behringwerke tauchen nur beiläufig auf: als Seilbahn-Ziel, beim Radweg zwischen den Standorten, im Wirtschaftskapitel und im Kontext Grundwasserschutz.
Auch in den Programmen von FDP, Linken und AfD sucht man den Masterplan vergeblich.
Die SPD ist die einzige Partei, die den "Masterplan Behring" überhaupt noch beim Namen nennt. Sie will ihn „fortsetzen" und an die „herausfordernde Situation für unsere hiesigen Pharma-Unternehmen" anpassen. Immerhin räumt sie ein, dass „das Vertrauen in die Beschäftigungssicherheit und die Investitionsfreude ins Schwanken" gerate. Die Gewerbesteuereinnahmen, so die SPD, seien in 25 Jahren von 30 auf über 100 Millionen Euro gewachsen, wesentlich getrieben durch den Pharmastandort. Was sie nicht schreibt: dass ein Großteil dieses Wachstums auf den einmaligen BioNTech-Boom zurückging und die Einnahmen inzwischen wieder drastisch sinken.
Man muss sich das vor Augen führen: 2020 wurde der Masterplan als „wichtigste wirtschaftspolitische Entscheidung der vergangenen 20 Jahre und für die kommenden 20 Jahre" beschlossen. Fünfeinhalb Jahre später erwähnt ihn von den untersuchten Parteien nur noch die SPD – und die will ihn „anpassen", was diplomatisch für „so funktioniert er nicht" steht.
Wer nach einem Beleg dafür sucht, dass der Masterplan seinen Namen nie verdient hat: Die Wahlprogramme zur Kommunalwahl 2026 liefern ihn.