Vorweg, damit es niemand nachtragen muss: Ich bin Mitglied der Männergesellschaft Hain-Strasse und gehe beim Grenzgang als Reiter mit. Ich bin also nicht neutral. Alles, was in diesem Text steht, ist trotzdem nachprüfbar - die Quellen sind verlinkt.
Der Hessische Rundfunk hat innerhalb einer Woche zwei Beiträge zum Biedenkopfer Grenzgang veröffentlicht: am 4. August ein Video auf dem YouTube-Kanal der hessenschau, am 9. August einen Text auf hessenschau.de.
Die beiden sind nicht gleichwertig. Der Text Grenzgang in Biedenkopf: Ginge es auch ohne Blackfacing? ist erheblich sorgfältiger. Er nennt Namen statt Andeutungen, ordnet Aussagen ihren Sprechern zu und schreibt ausdrücklich, dass sich die anonymen Vorwürfe nicht einfach überprüfen lassen. Vor allem verzichtet er auf jede Datierung der strittigen Figur: Wie es zu ihr kam, sei nicht ganz klar, heißt es dort. Das ist die angemessene Auskunft über den Forschungsstand.
Im Video Streit um „Blackfacing" bei Volksfest in Biedenkopf steht an derselben Stelle eine Behauptung. Und die ist falsch.
Ich habe die Prüfung auch als Video dokumentiert. Dieser Text führt die Belege im Einzelnen - das Video steht unten.
Drei Angaben
Dort sagt Philipp Horstmeier, die Figur sei „eine relativ neue Erfindung", sie tauche „erst 1809 in diesem Grenzgang überhaupt auf", während die Vereinschronik bis 1500 zurückreiche, „also quasi 300 Jahre ohne".
Die Quelle dazu steht öffentlich auf der Website des Grenzgangsvereins. Zitiert wird dort, die Grenzbegehung sei „seit alters her" mit „zwey Busche als Laufer und einem Bursche als Mohr gekleidet nebst mehreren Banden Musikanten" erfolgt. „Seit alters her" - das steht in der Quelle selbst. Wer 1809 zu Protokoll gibt, dass etwas seit alters her geschieht, beschreibt keine Neuerung. Das Datum markiert den spätesten Zeitpunkt, zu dem die Figur nachweislich existierte, nicht ihren Ursprung.
Auch die Rechnung stimmt nicht. Der Eintrag „1500" auf der Vereins-Zeitleiste ist überschrieben mit „Grenzstreitigkeiten im Mittelalter" und beschreibt amtliche Schlichtungen mit den Nachbargemeinden - Verwaltungshandeln, kein Fest. Der Grenzgang beginnt auf derselben Zeitleiste 1693. Von dort bis 1809 sind es 116 Jahre, nicht 300.
Und beide hr-Beiträge datieren das Blackfacing über die amerikanischen Minstrel Shows ins „18. und 19. Jahrhundert". Die organisierte Minstrelsy beginnt in den 1830er Jahren. Die Figur ist damit älter als das Genre, aus dem beide Beiträge ihre Bedeutung erklären.
(Nachtrag zur Quellenlage: Der Verein datiert das zitierte Dokument auf 1809, Bäumner geht von einem Schreiben aus dem Jahr 1816 aus, aus dem er auf 1809 zurückschließt. Für die Frage hier ändert es nichts - beide Lesarten widerlegen die Behauptung, die Figur sei 1809 aufgetaucht.)
Die Kritik an der Figur ist damit nicht widerlegt
Wie etwas heute wirkt, hängt nicht daran, wie alt es ist. Ein Brauch von 1700 kann verletzend sein, ein Brauch von 1970 kann harmlos sein. Alter ist kein Freibrief, und ich habe das nie behauptet. Menschen, die sich von dieser Darstellung verletzt fühlen, bilden sich das nicht ein.
Widerlegt ist die historische Begründung, mit der das Video seine Deutung stützt. Wer über Wirkung reden will, muss über Wirkung reden - nicht über eine Geschichte, die er sich nicht angesehen hat.
Und den zweiten Vorwurf kann ich nicht widerlegen: dass Kritik in Biedenkopf sozial sanktioniert werde. Ich versuche es auch nicht. Wer behauptet, in seinem Ort gebe es keinen Konformitätsdruck, hat wahrscheinlich noch nie in einer Kleinstadt gelebt. Nur bleibt es, auch nach eigener Auskunft der Redaktion, eine Stimmung und keine Beweislage.
Das Muster: Wer deutet, wer reagiert
In beiden Beiträgen liefern Kritiker die Deutung, Biedenkopfer dürfen reagieren.
Masadir Basak, Leiter der städtischen Integrationskommission, sagt, er habe nie ein Unbehagen ausländischer Mitbürger während des Fests erlebt. Die Redaktion setzt darunter den Satz, warum die Herkunft hierbei eine Rolle spielen solle, bleibe unklar. Die einzige lokale Stimme mit einschlägigem Amt, die der These widerspricht - abgeräumt in einem Halbsatz. Anonyme Kritiker bekommen mehrere Absätze.
Der Reporter stellt selbst fest, dass die Demonstrierenden aus dem ganzen Bundesgebiet angereist sind und niemand aus dem Ort dabei war. Er liest das nur in eine Richtung: als Beweis für Unterdrückung. Die zweite mögliche Erklärung - dass die Kritik hier eine Minderheitenposition ist - wird nicht geprüft. 2019 suchte der hr die Antwort auf dieselbe Frage beim Marburger Ausländerbeirat, 30 Kilometer entfernt.
Im Video sagt der Reporter, er finde es „unverständlich", dass das 2026 noch so praktiziert werde. Das ist ehrlich - und es ist der Kern. Wenn das Ergebnis vor dem Dreh feststeht, prüft man die eigenen Angaben nicht mehr nach. Dann liest niemand, was unter dem Eintrag „1500" steht. Dann fällt nicht auf, dass in der Kronzeugenquelle „seit alters her" steht.
Ich behaupte nicht, dass hier jemand gelogen hat. Ich behaupte, dass jemand nicht nachgesehen hat, weil er glaubte, es nicht mehr zu müssen. Die Prüfung, die diesem Text zugrunde liegt, hat mich einen Nachmittag gekostet. Die Quelle steht öffentlich im Netz.
Zum Schluss
Die Debatte wird weitergehen, in diesem August und in sieben Jahren. Mir wäre lieber, wir führen sie ohne die beiden Reflexe: dass die eine Seite behauptet, es gebe nichts zu bereden, und die andere schon weiß, wie es ausgeht.
Wenn ich mich irre, schreiben Sie mir. Dann korrigiere ich es sichtbar, mit Datum und Begründung.
Dieselbe Prüfung als Video, mit den Quellen im Bild - knapp zehn Minuten: