Die Stadtverordnetenversammlung hat am 30. Oktober zwei Millionen Euro für den Aufbaue eines Gründerzentrums im ehemaligen Forschungs- und Entwicklungscampus M600 der CSL Innovation GmbH bewilligt. Eine gute Entscheidung, aber ich bin skeptisch, ob der Start-up-Hub das leisten kann, was man ihm aufbürdet.
Die Stadt möchte bis 2030 maximal zwei Millionen Euro an die TransMIT GmbH geben, die den Start-up-Hub betreiben soll. So steht es in der Vorlage VO/3632/2026:
| Punkt | Inhalt laut Vorlage |
|---|---|
| Städtischer Zuschuss | max. 2,0 Mio. €, 2027–2030 |
| Gesamtkosten | 6,65 Mio. € |
| Übrige Finanzierung | 4,65 Mio. € aus Mieten und Beiträgen privater Partner |
| Kapazität | rund 30 Arbeitsplätze, Verweildauer max. 30 Monate |
| Größter Einzelposten | 1,5 Mio. € Laborausstattung |
| Abbruchkriterium | ohne private Gegenfinanzierung bis März 2027 keine Umsetzung |
| Absicherung | Betreibervertrag mit Rückforderungsklausel |
Der Betrag liegt rund 700.000 Euro unter der Ermächtigung, die ursprünglich vorgesehen war. Die Vorlage geht davon aus, dass der Hub ab 2031 bei rund 75 Prozent Auslastung kostendeckend arbeiten wird. Soweit, so gut.
Warum die Maßnahme richtig ist
Flächen bereitzustellen ist genau die Art von Ermöglichen, auf die es ankommt: Die Stadt gründet keine Firmen, wählt keine Technologien aus und sitzt in keinem Aufsichtsrat. Sie stellt ein Gebäude mit Laboren bereit und lässt es von anderen betreiben - vergleiche Pharmastandort: Ermöglichen statt steuern.
Ob Baurecht, Flächen oder Budgets: Ohne die Politik geht es nicht. Die Stadt hatte 2024 als eigene Aufgabe benannt, Haushaltsmittel für Gründungsstrukturen zu sichern. M600 löst das ein.
Der naheliegende Einwand, Laborgeräte und ein großartiges Gebäude reichten nicht, ist nur halb richtig. Nasslabore sind bundesweit ein Engpass für Biotech-Gründungen. Sie sind eine wichtige Voraussetzung, aber eben nur die halbe Miete. Das spricht nicht gegen die Maßnahme, sondern wirft die entscheidende Frage auf: Was braucht es darüber hinaus?
Die erste Antwort liegt beim Betreiber. TransMIT GmbH ist die Transfergesellschaft der mittelhessischen Hochschulen, eine naheliegende Wahl. Welche Erfahrung hat TransMIT mit dem Betrieb von Laboren nach Pharmastandard? Und wie verhält sich das zu den Strukturen, die es in der Region schon gibt, MAFEX, StartMiUp und der Lovedis Startup Factory?
Die Messlatte liegt hoch
Aus 30 Gründerplätzen wird in der politischen Rede ein europäisches Projekt. Laut Oberhessischer Presse nennt Oberbürgermeister Spies Marburg „den idealen Ort für Pandemieprävention und für einen ‚european vaccination hub‘“. Die CDU/FDP spricht von einer „schlauen Investition“, die mehrere Millionen Euro Gewerbesteuer einbringen könne.
Beide Aussagen überfordern die Maßnahme. Junge Biotech-Firmen schreiben jahrelang Verluste und zahlen in dieser Zeit üblicherweise keine Gewerbesteuer. Und ein Inkubator ist keine Produktionsstätte.
Im Brief vom 6. Oktober an die Bundesregierung warnt Spies, dass für das BioNTech-Werk kein Investor gefunden wurde. Die Gewerbesteuer ist von 418,5 Millionen Euro (2022) auf 84,8 Millionen Euro (2025) gefallen. Parallel startet die Standortkampagne „Marburg macht…“. In der Pressemitteilung werden als „Key-Facts“ Beschäftigte, Studierende und über 300 Gaststätten, aber keine einzige Pharma-Kennzahl genannt. Auf den BioNTech-Absatz folgt dort der Satz: „Unabhängig davon baut die Stadt die Netzwerke vor Ort … weiter konsequent … aus.“
In dieser Lage soll der Start-up-Hub mehr tragen, als er kann. Das ist der Punkt, an dem aus Ermöglichen wieder Steuern wird: nicht durch das Gebäude, sondern durch die Erzählung darüber. Wer glaubt, eine Standortkrise mit einer einzelnen guten Maßnahme lösen zu können, scheitert mit Ansage.
Die Kritik und was davon trägt
Die Linke lehnt den Hub ab, und ihre Begründung ist aufschlussreicher als das Nein selbst. Sie misst die Maßnahme nicht daran, ob sie Gründungen ermöglicht, sondern daran, wie man Unternehmen bindet, abschöpft und begrenzt. Man begegnet Unternehmen mit Misstrauen, statt sie als das zu sehen, wovon der Standort lebt. Die drei Hauptkritikpunkte der Linken:
Residenzpflicht. Die Linke will die geförderten Firmen an Marburg binden. Eine solche Pflicht schreckt genau die Gründer ab, die man haben will, und Investoren meiden sie. Gründer hält man nicht per Vertrag am Standort, sondern mit Anschlussflächen.
Gewinnrückführung. Die Stadt beteiligt sich nicht an Unternehmen, sie stellt Fläche bereit. Kommunale Anteile an Start-ups wären rechtlich heikel und für Kapitalgeber ein Ausschlussgrund. Der Rückfluss für die Stadt sind Ansiedlung, Arbeitsplätze und irgendwann Steuern.
„Steuergeschenk“. Das Geld der Stadt geht in den Betrieb der Infrastruktur, nicht als Steuervorteil an Unternehmen. Richtig ist, dass Gründer Mieten unter den Kosten zahlen sollen. Das ist eine Subvention, aber die übliche Form der Gründungsförderung.
Ein Einwand dagegen ist berechtigt, und er kommt von Grünen und Marburger Linken gleichermaßen: Was passiert, wenn sich der Hub nach 2030 nicht trägt? Laut Vorlage trägt sich der Hub erst bei rund 75 Prozent Auslastung. 2030 decken die Mieteinnahmen von 850.000 Euro nur rund 60 Prozent der Kosten, den Rest sollen private Beiträge schließen, die noch nicht zugesagt sind.
Die Vorlage betont, die Förderung diene „nicht der dauerhaften Finanzierung eines defizitären Betriebsmodells“. Ob das so bleibt, entscheidet sich nicht 2031, sondern jetzt, an den Maßstäben, die man heute festlegt.
Woran M600 gemessen werden sollte
Wer heute zwei Millionen Euro bereitstellt, muss gleichzeitig sagen, woran am Ende der Erfolg gemessen wird. Hier ein paar Anregungen:
Erfolgskriterien vor dem Start. Das definierte Abbruchkriterium für März 2027 ist gut. Aber es fehlen Ziele für die Zeit danach: Auslastung, Zahl der Ausgründungen, eingeworbene Anschlussfinanzierungen, Verbleib der Firmen am Standort. Ohne sie wird 2031 nicht entschieden, sondern vermutlich weitergezahlt.
Auswahl durch die Branche. Über den Einzug müssen die ansässigen Unternehmen, die Universität und Pharmaexperten entscheiden, keinesfalls das Rathaus, sonst wird nur verwaltet und irgendwie gesteuert.
Die großen Unternehmen als Partner. Gründer brauchen neben Laboren Kapital, Wissen und erste Kunden. Ein Hub, an dem die Standortunternehmen nicht aktiv mitwirken, ist nur Fläche.
Anschlussflächen. Erfolgreiche Firmen verlassen den Inkubator nach spätestens 30 Monaten. Ob sie in Marburg bleiben, entscheidet sich an Gewerbeflächen, nicht an M600. Das ist die Lücke aus dem Masterplan, und sie bleibt die eigentliche Aufgabe der Stadt.
Schluss
Der Start-up-Hub in M600 ist das richtige Instrument mit der falschen Erwartung. Dreißig Arbeitsplätze sind kein europäischer Impfstoff-Hub und sicher keine Antwort auf den Abzug von BioNTech. Er kann ein erster Baustein sein, wenn man ihn an realistischen Zielen misst und den Rest der Aufgabe nicht vergisst: Flächen für die Firmen bereitstellen, die aus dem Inkubator herauswachsen.
Wer der Maßnahme Erfolg wünscht, sollte sie vor den überhöhten Erwartungen ihrer Befürworter ebenso schützen wie vor ihren Kritikern.