Im Februar 2021 erschien in der Financial Times der Artikel The medieval German town at the heart of the fight against Covid über Marburg. BioNTech-Chef Ugur Sahin schwärmte vom historischen Ort, an dem Emil von Behring einst die immunologische Revolution begonnen hatte. 250 Millionen Impfdosen sollten allein im ersten Halbjahr das Werk verlassen. Marburg war kurz der Nabel der Welt.
Bürgermeister Thomas Spies wurde mit einem Satz zitiert, der damals nach Aufbruch klang: „I hope BioNTech will stay."
Fünf Jahre später ist BioNTech noch da, aber wie es mit dem Standort weiter geht, ist offen. Ein anderer Investor ist gegangen — weil es keine Flächen gab. Der Masterplan Behring-Standort existiert als Dokument, nicht als Politik. Die L3092 ist noch immer die einzige Zufahrt zum wichtigsten Wirtschaftsstandort der Stadt. Die Financial Times hatte das übrigens schon 2021 vermerkt, fast beiläufig: eine einzelne, gewundene Straße als Verbindung zum Autobahnnetz. Fünf Jahre später hat sich daran nichts geändert.

In meinen Blog-Beiträgen habe ich analysiert, was schiefgelaufen ist: eine verlorene Ansiedlung, weil keine Flächen da waren.
Ein Masterplan, der seinen Namen nie verdient hat. Und eine Stadtspitze, die den wichtigsten Wirtschaftsstandort der Stadt für selbstverständlich hielt.
Die Resonanz war groß. Über 29.500 Aufrufe allein beim Verweis auf den vierten Beitrag auf LinkedIn. Kommentare von Standort-Mitarbeitern, Unternehmern, Bürgern.
Ein Satz aus einer Facebook-Nachricht hat es für mich auf den Punkt gebracht: „Wo Ware rauskommen soll, müssen Rohstoffe, Menschen und Maschinen rein. Das braucht Infrastruktur. Und da pennt die Stadt seit Jahrzehnten."
Die Analyse ist gemacht. Die Frage ist jetzt: Was muss anders werden?
1. Ein echter Masterplan – diesmal mit Plan
Der Masterplan Behring-Standort von 2020 war ein Bekenntnis ohne Zeitplan, ohne Bürgerbeteiligung, ohne konkrete Maßnahmen. Das reicht nicht mehr. Was Marburg braucht, ist ein Standortentwicklungskonzept, das diesen Namen verdient.
Mit externer Begleitung – wie bei MoVe 35. Mit Beteiligung von Vertretern der regionalen Wirtschaft. Mit messbaren Zielen und einem verbindlichen Zeitplan. Was die Stadt beim Verkehrskonzept als Prozess richtig gemacht hat, muss der Standard auch für die Wirtschaftspolitik sein. Mindestens.
Der Unterschied: Beim Pharmastandort geht es nicht um Radwege und Busfahrpläne. Es geht um 80 Prozent der Gewerbesteuer. Um die Frage, ob Marburg in zehn Jahren noch handlungsfähig ist.
2. Den Standort weiterentwickeln, nicht verwalten
Marburg ist nicht zufällig ein Pharmastandort. Emil von Behring baute hier 1904 mit seinem Nobelpreisgeld die erste Impfstofffabrik der Welt — und legte damit vier Fundamente, die bis heute tragen.
Das erste ist das Fachpersonal. Seit über 120 Jahren bildet der Standort Spezialisten für Serumproduktion, Plasmafraktionierung und Impfstoffherstellung aus. Als BioNTech 2020 das Novartis-Werk übernahm, schwärmte Ugur Sahin von „5.000 Jahren kombinierter Produktionserfahrung" — er meinte die Belegschaft. Das ist nicht kaufbar. Das wächst über Generationen.
Das zweite ist die spezialisierte Infrastruktur. GMP-zertifizierte Anlagen, Reinräume, Kälteketten, Werkfeuerwehr, Gefahrstofflogistik — alles vorhanden, alles teilbar. Pharmaserv bzw. INNEXIS als spezialisierter Standortbetreiber — kein neues Unternehmen muss bei null anfangen.
Das dritte ist die Universität. Behring war selbst Professor in Marburg. Die Verbindung zwischen Philipps-Universität und Standort ist strukturell, nicht zufällig — Gastvorlesungen, Exkursionen, Forschungskooperationen. Dass CSL Behring sein weltgrößtes F&E-Zentrum in Marburg gebaut hat, war kein Zufall.
Das vierte ist die Sogwirkung. Jedes Unternehmen, das kommt, macht den Standort attraktiver für das nächste. BioNTech ist wegen Behring gekommen. Der nächste kommt wegen BioNTech — aber nur, wenn Flächen, Infrastruktur und Universität als Einheit gedacht werden.
Genau das ist die Aufgabe der neuen Stadtverordnetenversammlung: dieses Cluster nicht verwalten, sondern aktiv vertiefen. Ein Innovationszentrum, das Pharma-Knowhow, biomedizinische Forschung und Gründerberatung zusammenführt — nicht als Hochglanzbroschüre, sondern als physischer Ort mit Laborflächen und Co-Working. Die SPD hat in ihrem Wahlprogramm einen Innovation Hub gefordert. Gut. Jetzt muss daraus mehr werden als ein Absatz im Wahlprogramm.
3. Flächen schaffen, bevor der nächste Investor abspringt
Die verlorene Ansiedlung von 2023 hatte eine einfache Ursache: Es gab keine geeigneten Flächen. Kein Grundstück, kein Angebot, kein Plan B. Ein Unternehmen, das investieren wollte, hats sich umorientiert — nicht wegen Steuern, nicht wegen Bürokratie, sondern weil Marburg schlicht nichts anzubieten hatte.
Das darf nicht noch einmal passieren. Die neue Stadtverordnetenversammlung muss Gewerbeflächenpolitik als strategische Daueraufgabe begreifen. Das heißt: aktive Flächenbevorratung, damit bei der nächsten Anfrage nicht wieder mit leeren Händen dasteht. Das heißt: Vorkaufsrechte konsequent nutzen, wenn sich Gelegenheiten ergeben. Und das heißt: interkommunale Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen, denn Standortentwicklung endet nicht an der Gemarkungsgrenze.
Wer ernsthaft Ansiedlungspolitik betreiben will, braucht Flächen wie ein Händler Ware braucht. Ohne Angebot kein Geschäft — egal wie gut der Rest des Standortpakets ist.
4. Infrastruktur als Standortfaktor begreifen
Wer den Pharmastandort einmal besucht hat, kennt das Problem: Die L3092 als einzige Zufahrt. Stau zu den Schichtwechseln. Eine ausbaufähige Busanbindung.
Jede Firma, die über eine Ansiedlung nachdenkt, schaut sich die Verkehrsanbindung an. Jeder Mitarbeiter, der zwischen Marbach und Görzhausen pendelt, steht im Stau. Jede Fachkraft, die überlegt, ob sie nach Marburg zieht, googelt die Erreichbarkeit.
Infrastruktur ist kein Nebenthema. Infrastruktur ist Standortpolitik. Und hier muss die neue Stadtverordnetenversammlung Druck machen – auf Hessen Mobil, auf das Land, auf die Standortunternehmen selbst.
5. Das Ökosystem mitdenken
Der Pharmastandort ist nicht nur CSL, BioNTech und GSK. Er ist ein Ökosystem aus Zulieferern, Dienstleistern, Hotels, Gastronomie, Einzelhandel. Wenn 1.500 Arbeitsplätze wegfallen, trifft das nicht nur die Beschäftigten selbst. Es trifft den Taxifahrer, der weniger Fahrten zum Standort macht. Das Hotel, das weniger Geschäftsreisende beherbergt. Das Restaurant, das mittags leerer bleibt.
Die neue Stadtverordnetenversammlung sollte diese Zweitrundeneffekte systematisch erfassen – nicht erst, wenn die Gewerbesteuereinnahmen einbrechen. Und sie sollte Konzepte entwickeln, wie die Innenstadt und das Umfeld vom Standort profitieren können, statt nur von ihm abhängig zu sein.
6. Die Gewerbesteuer als Standortsignal nutzen
Marburg hat einen Gewerbesteuer-Hebesatz, der im hessischen Vergleich am oberen Rand liegt. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal — es ist ein Nachteil im Standortwettbewerb. Die neue Stadtverordnetenversammlung sollte eine moderate Senkung in Richtung eines Hebesatzes unter 400 Punkten ernsthaft prüfen.
Nicht, weil ein niedriger Hebesatz allein Unternehmen anlockt. Sondern weil eine moderate Gewerbesteuer ein notwendiges, wenn auch kein hinreichendes Attraktivitätsmerkmal ist. Marburg muss den richtigen Weg gehen: erst die Rahmenbedingungen schaffen — Flächen, Infrastruktur, Fachkräfte — und dann mit einem fairen Hebesatz signalisieren, dass Unternehmen hier willkommen sind.
7. Wachstum braucht Vorbereitung
Ein Einwand, den ich auf meinen ersten Beitrag erhalten habe, verdient eine ehrliche Antwort: Eine große Pharma-Ansiedlung hätte auch die ohnehin angespannte Wohnsituation weiter verschärft und die Verkehrsanbindung zusätzlich belastet. Das stimmt.
Aber genau dafür plant man voraus. Genau dafür schreibt man einen Masterplan, der diesen Namen verdient. Wer Wachstum will, muss Wachstum vorbereiten – mit Wohnraum, mit Verkehrsanbindung, mit Kinderbetreuung. Nicht reaktiv, wenn der Investor schon da ist. Sondern proaktiv, damit er überhaupt kommt.
8. Wirtschaft an den Tisch holen — regelmäßig, nicht nur im Krisenfall
Marburg leistet sich den Luxus, seine wichtigsten Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler nur dann einzubinden, wenn es brennt. Das reicht nicht. Was fehlt, ist ein institutionalisierter Dialog zwischen Stadtpolitik und Wirtschaft — kein Lobbygremium, sondern ein regelmäßiger runder Tisch, an dem Standortunternehmen, Mittelstand, IHK, Universität und Stadtverordnete gemeinsam über die Entwicklung des Standorts sprechen.
Nicht einmal im Jahr beim Neujahrsempfang. Nicht erst, wenn Stellenabbau droht. Sondern quartalsweise, verbindlich, mit konkreter Agenda. Wo stehen wir bei Flächen, Infrastruktur, Fachkräftegewinnung? Wo hakt es in der Verwaltung? Welche Ansiedlungschancen zeichnen sich ab, und was braucht es, um sie zu nutzen?
In Marburg fehlt dieses Format — und damit fehlt der Frühwarnmechanismus, der verhindert, dass Probleme erst dann sichtbar werden, wenn sie möglicherweise unlösbar sind.
9. MoVe 35 für gescheitert erklären — und ehrlich neu anfangen
MoVe 35 ist nicht an einzelnen Maßnahmen gescheitert. Es ist an seiner eigenen Konstruktion gescheitert. Das Konzept wurde von Anfang an auf ein politisch gewolltes Leitziel hin entwickelt: 50 Prozent weniger PKW-Verkehr in der Innenstadt. Dieses Ziel stand fest, bevor die Bürgerbeteiligung begann, bevor das Planungsbüro seine Arbeit aufnahm, bevor eine einzige Maßnahme konzipiert wurde. Das Ergebnis war vorgezeichnet.
Dann haben die Bürger in einem Entscheid mehrheitlich gegen genau dieses Leitziel gestimmt. Damit ist nicht eine einzelne Maßnahme vom Tisch — damit ist die Grundlage des gesamten Konzepts infrage gestellt. Ein Verkehrskonzept, dessen tragende Säule demokratisch abgelehnt wurde, kann nicht einfach weitergeführt werden, indem man die Überschrift streicht und die Einzelmaßnahmen behält.
Das heißt nicht, dass alles falsch war. Bessere Radwege, ein dichterer Bustakt, klügere Verkehrsführung — vieles davon ist sinnvoll, unabhängig von MoVe 35. Aber diese Maßnahmen brauchen ein neues Fundament: ein Verkehrskonzept, das nicht von einem ideologischen Ziel her gedacht ist, sondern von der Frage, wie Mobilität in Marburg für alle funktioniert — für Pendler, für den Einzelhandel, für den Pharmastandort, für Familien.
Die neue Stadtverordnetenversammlung sollte den Mut haben, MoVe 35 offiziell zu beenden und einen Neuanfang zu machen. Nicht als Niederlage, sondern als Konsequenz aus einem demokratischen Prozess.
Was bleibt
Marburg hat alle Voraussetzungen für einen starken Pharmastandort: die Tradition, die Universität, das Knowhow, die Fachkräfte. Was gefehlt hat, war eine Politik, die das nicht für selbstverständlich hält.
Die neue Stadtverordnetenversammlung hat die Chance, das zu ändern. Nicht mit Bekenntnissen. Nicht mit Hochglanzbroschüren. Sondern mit einem echten Plan, konkreten Maßnahmen. Eine gute Standortpolitik ist die Grundlage für alles andere.
Ob sie diese Chance nutzt, werden wir sehen. Ich werde berichten.