Am Samstag, dem 18. Juli, soll es losgehen: 12.30 Uhr, Treffpunkt Bahnhof, von dort zum Marktplatz. Eine Demonstration „gegen Rassismus und Blackfacing“ beim Biedenkopfer Grenzgang, wie es im Aufruf heißt. Das Fest selbst steigt erst Mitte August – ein Heimatfest, das nur alle sieben Jahre stattfindet und das die Region seit Generationen trägt. Die Auseinandersetzung um seine bekannteste Figur - den schwarz geschminkten „Mohr“, der den Festzug mit Säbel und Uniform anführt - ist erneut entbrannt.
Wer ruft auf?
Die OP schreibt in ihrem Artikel „Kampf gegen alte Widerstände“: „Ein Bündnis von unterschiedlichen Gruppierungen ruft am Samstag, 18. Juli, zu einer Demonstration in Biedenkopf gegen rassistische Praxen beim Biedenkopfer Grenzgang auf."
Sichtbarer Absender des Aufrufs ist jedoch nicht ein breiter regionaler Trägerkreis, sondern MeRA25 Hessen – eine Kleinstpartei, die zur hessischen Kommunalwahl im März 2026 nur mit Listen in Frankfurt und Kassel antrat und in Marburg-Biedenkopf weder über ein Mandat noch erkennbare Ortsstrukturen verfügt.
Auf ihrem Instagram-Kanal formuliert MeRA25 Hessen den Aufruf in der ersten Person: „Wir stehen solidarisch an der Seite der Betroffenen von Anti-Schwarzem Rassismus. Tradition ist keine Rechtfertigung für Blackfacing. Darum rufen wir euch alle auf, mit uns gemeinsam am 18. Juli gegen die rassistischen Praktiken beim Biedenkopfer Grenzgang zu demonstrieren“. Verbreitet wird er zusätzlich über ein Mobilisierungsvideo der Berliner Literaturwissenschaftlerin und Aktivistin Christine Peters, deren Kanal sich schwerpunktmäßig mit Palästina und Kolonialismus befasst. Die eigentliche Anmelderin ist nach Angaben in diesem Video eine ihr nahestehende Einzelperson – nicht Peters selbst und kein benanntes Bündnis.
Ein „Bündnis von unterschiedlichen Gruppierungen“ lässt sich demnach anhand der vorliegenden Aufrufe also nicht belegen. Nachweisbar ist hingegen eine von einer Kleinstpartei getragene Mobilisierung, angeschoben aus Berlin.
Blackfacing?
„Blackfacing“ bezeichnet das Schwarzschminken weißer Menschen, um Schwarze darzustellen. Der Begriff und seine rassistische Prägung stammen aus den USA: Ab etwa 1830 verspotteten dort weiße Darsteller in den „Minstrel Shows“ Schwarze als lächerliche, unterlegene Karikaturen – eine Belustigung auf Kosten der Dargestellten. Von dieser Linie zu unterscheiden ist eine deutlich ältere europäische Tradition geschwärzter Figuren anderer Herkunft – vom schwarzen König Balthasar der Dreikönigsumzüge über die Moriskentänze bis zu den Mohren in Wappen und Zunftzeichen.
In eigener Sache: Als Reiter einer Männergesellschaft nimmt der Autor selbst aktiv am Biedenkopfer Grenzgang teil. Aus Gründen der Transparenz sei diese persönliche Nähe zum Fest ausdrücklich erwähnt – der folgende Beitrag ist der Versuch einer nüchternen, distanzierten Einordnung.
Dass der Mohr und der Grenzgang in der Kritik stehen, ist kein Randphänomen. Die Debatte reicht Jahre zurück: 2012 erschien in der Wochenzeitung Jungle World der Beitrag Frauen müssen hinten mitlaufen, vor dem Grenzgang 2019 äußerte der Marburger Ausländerbeirat deutliche Kritik, und am 13. Juli verurteilte die Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen (agah) in einer Pressemitteilung die Darstellung des Mohr „aufs Schärfste“.
Getragen wird diese Kritik von Institutionen, deren Auftrag das Benennen von Diskriminierung ist. Das macht sie nicht falsch, aber es fällt auf, dass die Frage, aus welcher Linie der Biedenkopfer Mohr stammt, gar nicht gestellt wird, die Figur wird wie selbstverständlich der amerikanischen Minstrel-Praxis zugeordnet. Das entlastet nicht automatisch, denn Kritiker würden einwenden, es komme ohnehin auf die heutige Wirkung an und nicht auf den Ursprung. Es zeigt aber, wie schnell aus einem klärungsbedürftigen Fall scheinbar ein eindeutiger wird.
Anschauung oder Ferndiagnose
Aufschlussreich ist die Tonlage. In dem an die eigene Anhängerschaft gerichteten Video wird die Sorge geschürt, die Anmelderin könne „im schlimmsten Fall mit einem Mob wütender Bürger und vielleicht auch Faschos konfrontiert“ werden. Das ist eine Erwartung, kein Befund und eine Vorab-Etikettierung einer ganzen Stadtgesellschaft.
Dahinter steht ein Muster, das die Kritik am konfrontativen Ende kennzeichnet: Sie urteilt aus der Distanz, ohne die Anschauung zu suchen, die sie beurteilt. „Schwarz geschminkt, also Blackfacing“ genügt als Ferndiagnose; die Frage nach Herkunft und Funktion der konkreten Biedenkopfer Figur stellt sich dann gar nicht mehr. Dass die Bezeichnung „Mohr“ sprachlich kolonial belastet ist, ist unstrittig. Wie die Biedenkopfer Figur aber – erstmals 1809 erwähnt, rund 300 Jahre nach den ersten Grenzbegehungen – überhaupt entstand, ist bis heute quellenkritisch nicht geklärt. Wer Begriffsgeschichte und lokale Entwicklungen vermischt, überspringt diese Frage – und traut den Menschen vor Ort nicht zu, die eigene Praxis einschätzen zu können.
Fairerweise gehört das Gegenargument dazu: Solidarität, so würde MeRA25 entgegnen, müsse nicht an der eigenen Betroffenheit hängen; man dürfe sich auch von außen gegen Rassismus engagieren. Ein ernstzunehmender Einwand. Er ändert nur nichts daran, dass die Stimme in dieser Debatte von außerhalb kommt – während die Menschen vor Ort differenzierter argumentieren.
Vor Ort ist das Bild uneinheitlich
Die OP hat in dem Artikel Der „Mohr“ spaltet die Gemüter mehrere Schwarze Menschen aus Marburg-Biedenkopf befragt – mit gegensätzlichen Ergebnissen.
Anwara Kleine, Unternehmensberaterin aus Marburg, hält Traditionen ausdrücklich für hinterfragbar und will die Gefühle Verletzter ernst genommen wissen. Zugleich sei für sie ein schwarz gefärbtes Gesicht im Rahmen einer historisch gewachsenen Festfigur „nicht automatisch Ausdruck von Rassismus“; entscheidend seien Kontext und Absicht. In fast 40 Jahren in Deutschland habe sie sich nie aufgrund ihrer Hautfarbe ausgegrenzt gefühlt.
Die Basketballspielerin Lia Kentzler berichtet dagegen von „Mikro-Rassismus“ und wünscht sich den Grenzgang ausdrücklich als Plattform, „bei der die Stimme von schwarzen Menschen gehört wird“. Es gebe Traditionen, die man beibehalten, und solche, die man diskutieren könne.
Auch die Integrationskommission der Stadt Biedenkopf sieht keinen Ausgrenzungscharakter. Ihr Vorsitzender Musadir Basak sagte dem Hessischen Rundfunk, das Fest habe nichts Ausgrenzendes; alle Gruppierungen seien dabei.
Zwei Schwarze Frauen, ein kommunales Gremium – drei Stimmen aus der Region, kein gemeinsamer Nenner. Es ist dieser Pluralismus, den man im Blick behalten sollte, wenn andernorts von etwas „Offensichtlichem“ die Rede ist.
Die Setzung der Aktivisten
Denn die aktivistische Position kennt diese Ambivalenz nicht. Die ISD Marburg hatte am 24. April auf Instagram einen Beitrag der OP vom 17. April – eine Reportage über die Wahl der Grenzgangs-Ämter – scharf angegriffen: Es handele sich um „offensichtlich“ rassistische Praktiken, die Zeitung reproduziere sie „unkritisch“. Fünf Tage später legte der hessische Landesverband der Kleinpartei MeRA25 nach und rief dazu auf, „aktiv zu werden“.
Aus „umstritten“ wird hier „offensichtlich“, aus einem vielstimmigen Diskurs eine einzige Linie. Genau an dieser Verengung setzt die Frage an, wer da eigentlich spricht.
Wer spricht für wen?
Der pauschale Vorwurf der „unkritischen Reproduktion“ trägt am Ende nicht. Dieselbe OP, die im April kritisiert wurde, bringt in ihrer aktuellen Ausgabe mehrstimmige Berichterstattung – Betroffene, Kritiker kommen zu Wort. Bemerkenswert bleibt allein, dass im aktuellen Interview mit einer ISD-Vertreterin nicht offengelegt wird, dass deren Kritik im April die OP selbst zum Ziel hatte.
Vor Ort also: widersprüchliche Betroffenenstimmen, eine Integrationskommission, die zum Hinschauen einlädt und ein Fest, das die Region trägt. Der Aufruf zur Konfrontation aber kommt von einer Partei, die anderswo zu Hause ist, und von Menschen ohne erkennbaren Bezug zu diesem Ort und seiner Gemeinschaft.
„Man sollte vielleicht vor Ort auch mal die Menschen fragen, wie sie das sehen“, sagt Musadir Basak.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern der Debatte: Wer spricht hier eigentlich für wen?
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MeRA25 Hessen und die Genannten wurden um Stellungnahme gebeten; eine Reaktion lag bis Redaktionsschluss nicht vor.